Psychologische Techniken gegen den Surf-Entzug.

Aktualisiert: 26. März 2020

Von Prof. Dr. Sabrina Krauss


Die derzeitige Lage stellt an Alle harte Anforderungen. Man möge weitestgehend zuhause bleiben und sich ruhig verhalten. Sicherlich für jeden eine Herausforderung, im Besonderen jedoch, wenn es sich um sehr sportliche und zugleich freiheitsliebende Menschen handelt. Bei Surfern finden sich meist beide Komponenten. Das Eins-werden mit der unendlichen Weite der Meere, die eindrucksvoll bis zum Horizont reicht, flutet so manchen Freigeist mit positiven Emotionen und der zarte Endorphinrausch fühlt sich unglaublich gut an. Ist man dann erst einmal weit genug hinaus gepaddelt – was bekanntermaßen schon einiges an Kondition und Kraft erfordert - setzt der eigentliche Kick, der Push durch pures Adrenalin in den Adern, erst durch den Sprung aufs Board und dem folgenden Ritt auf der Welle ein. Ohne Training, ohne Sportlichkeit unmöglich. Der Zugang in die Welt der Surfer-Freuden bedingt Training.


Doch was geschieht in Zeiten von Corona mit dem Drang nach Freiheit und Bewegung? Der Zugang zu den oft lebensleitenden Ritten auf großen, starken Wellen eingeschränkt durch eine Pandemie.


Viele Surfer verzweifeln momentan nicht nur an der fehlenden Bewegung, sondern auch an der verwehrten Freiheit! Doch genau wie die Wellen des Ozeans, lassen sich diese gesellschaftlichen Wogen nicht aufhalten, indem man sich davor stellt - dann überrollen sie einen. Mentales Training und die Übung der willentlichen Fokussierung helfen nicht nur die Psyche zu beruhigen und die Lage erträglicher zu machen, sie bereiten auch auf den ersehnten Neu-Kontakt mit dem Wasser vor. Vielen Nordeuropäern bleibt, durch die aktuellen Reiseverbote, selbst der bloße Blick auf die glitzernde Weite der Meere verwehrt. Hier helfen zum Beispiel imaginative Techniken, wie sie in einigen Therapieformen schon seit Jahren zur Anwendung kommen. Selbstverständlich sind diese Methoden und Techniken kein dauerhaftes Substitut, sie können aber kurz- bis mittelfristig dennoch die Surf-Entzugs-Symptome lindern. Im Folgenden eine kleine Übung, für alle, die es einmal ausprobieren möchten.


Setzen Sie sich aufrecht hin. Atmen Sie einige Male tief ein und aus. Stellen Sie sich das Meer vor. Konzentrieren Sie sich auf die hereinkommenden Wellen. Ist gerade Flut? Von wo weht der Wind? Wie stark? Skizzieren Sie ein konkretes Bild vor Ihrem inneren Auge. Atmen Sie weiter ruhig und tief.


Lassen Sie sich Zeit.

Lassen Sie Ihren inneren Blick schweifen. Sehen Sie sich einige Details an. Wie brechen die Wellen? Sind sie steil oder versöhnlich? Wie sieht der Strand aus? Gibt es Sandbänke? Oder brechen sie unter einem Riff?

Wenn Sie das Gefühl haben das Bild vor Ihrem inneren Auge sei nahezu real, sind Sie bereit für Schritt 2.



Stellen Sie sich vor, wie Sie inmitten des Ozeans im Line-up sitzen. Sie warten auf die nächste Welle. Sehen Sie Ihr Board vor sich. Klar und deutlich. Ablenkungen werden nun ausgeblendet.

Da kommt sie, sie paddeln. Spüren Sie die Muskeln, die Sie nun brauchen. Gehen Sie alles Schritt für Schritt durch. Lassen Sie sich Zeit. In Ihren Gedanken geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um Präzision. Nehmen Sie die Welle. Imaginieren Sie alles, was Sie nun tun. Bewusst und genau.

Skispringer, Boxer und andere Sportler nutzen diese Technik, um vor dem eigentlichen sportlichen Ereignis im Geiste alles einmal durchzugehen. Ihr Gehirn unterscheidet nicht immer zwischen gedacht und real. Nutzen Sie diesen Umstand. Stellen Sie sich alles genau vor. Wichtig ist, sich Zeit zu lassen. Wenn Sie bestimmte Situationen (Wellen) häufiger technisch durchdacht haben, wird ihr Gehirn das im Ernstfall erinnern. So haben Sie Reaktionsmöglichkeiten erdacht, die bei Ihrem nächsten Aufenthalt im Wasser zugutekommen können.


All das ist kein Hexenwerk, sondern die bewusste Nutzung bereits vorhandener Hirnstrukturen.

Zur Autorin: Prof. Dr. Sabrina Krauss ist Professorin für Psychologie und Studiengangsleiterin für die Studiengänge „Psychologie“ und „Arbeits- und Organisationspsychologie“ an der SRH Hochschule Hamm. Sie ist seit vielen Jahren psychologische Beraterin und Coach diverser Leistungssportler.


Foto: watman/adobestock

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